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    Thomas Behnke
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Heimat – Unerlöst im „Synoptischen Raum“

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Nein, der Donnersberg ist es nicht, der, von künftigem Bergbau skeletiert, das Zentralmotiv von Heiner Altmeppens  monumentalem Acrylgemälde „Deutsche Landschaft“ ausmacht. In das Bild, das der auf dem Bremricherhof lebende Künstler mit an die Grenzen malerischer Akribie gehender Detailgenauigkeit in vierjähriger Arbeit fertiggestellt hat, haben gleichwohl kleinere Aspekte aus dem Donnersberger Land Eingang gefunden, rechts etwa, wo Kirchheimbolander Häuser durch eine bei Gerbach geschlagene Windbruchschneise grüßen, auch die Pestwurz im rechten Bildvordergrund hat der Künstler bei Kirchheimbolanden gesehen. Auf eine höhere, nicht sinnfällige Weise sind Nordpfälzer Landschaften dennoch mitgegenwärtig in einem Werk, das als Formulierung einer paradigmatischen Landschaftserfahrung auf der Höhe der Zeit gelten kann.

Mancher Betrachter wird das Zentralmotiv wiedererkennen: Es ist der „Hummerich“ bei Plaidt kurz hinter Koblenz, der Autofahrern von der A 61 aus, die sich ihrerseits rechts durchs Bild schlängelt, durch seine ungewöhnliche Erscheinung auffallen mag, ein Hügel der unter dem Bimsabbau jener Bergbaufirma, die auch den ausladenden Steinbruch im Vordergrund betreibt, allmählich dahinschwindet. Das Motiv scheint damit wie geschaffen für eine großformatige Auftragsarbeit für die in Osnabrück ansässige Bundesstiftung Umwelt, werden doch in ihm schon Bezüge zu ihrer an Umweltschutz und Ressourcenschonung orientierten Arbeit deutlich. Und Altmeppen hat diese Bezüge auch mit malerischen Mitteln forciert, durch die Vergrößerung des „Hummerichs“, durch die Verdichtung der Bebauung im rechten Mittelgrund, durch die dezenten Rot-Akzente, die bei der Darstellung des Steinbruchs den Charakter von Verwundung, von rohem Fleisch erzeugen – und nicht zuletzt durch den so überwältigend wie vielsagenden gemalten Himmel mit seinem Aufmarsch einer bedrohlichen Wolkenfront, die wie eine lastende Gegenlandschaft zu einer gewittrigen Stimmung an der fernen Horizontlinie gravitiert und ihre Schattenflecken über die Wiesen und Felder gleiten lässt. Der Befund macht klar, dass diese Landschaft so nirgends existiert und der realistische Darstellungsmodus – von Fotorealismus zu reden drängt sich auf, wäre aber irreführend: Fotos sind für Altmeppen nicht Thema der Auseinandersetzung, sondern als Skizze und Gedächtnisstütze lediglich Hilfsmittel – auch als Camouflage einer illusionistischen Absicht auftritt, mit dem Ziel freilich, durch den kompositorischen Eingriff in der Zusammenschau eines – so Altmeppen – „synoptischen Raumes“ zu einer verdichteten, gesteigerten Wirklichkeit zu gelangen, die eine Phänomenologie landschaftlicher Erfahrung am Ende dieses Jahrtausends einbegreift.

Zunächst also begegnet hier ein verwundeter Weltausschnitt, belagert auch von baulichen Zeugen menschlicher Anwesenheit, die in ihrer nüchtern geometrischen Zweckform und dem fast klinischen Weiß der Fabrikgebäude und Wohnblocks wie eine Verkrustung den Mittelgrund des Bildes zu überziehen scheinen. Die Spannung des Mensch-Natur-Verhältnisses wird gleich mehrfach sinnfällig – und dennoch bleibt die Darstellung behutsam genug, um die Szenerie als alltägliche, an vielen Orten ähnlich oder sogar drastischer sich zeigende Manifestation zeitgenössischer Landschaften erkennbar zu belassen. Das Dargestellte zielt über ökologisch  motivierte Kassandrarufe hinaus auf eine sehr viel intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema Landschaft. Das deuten – vor allem im linken Mittelgrund – auch die Zitate alter, noch intakter Kulturlandschaften an, die von Bäumen und Büschen eingefriedete Burg, die Präsenz dörflicher Strukturen, ebenso die schon wieder von vordringendem Grün dezent gesäumten Ränder des Bruches. Der Befund ist auf dieser Betrachtungsebene ein dialektischer, in dem gegenläufige Strebungen um Integration zu ringen scheinen. Und genau in diesem Punkt der Spannung des Disparaten, der Widersetzlichkeit zwischen der Sehnsucht nach einer ästhetisch wie funktional intakten Lebenswelt und dem Einfinden in die ökonomistische Logik der Industriegesellschaft wird diese Landschaft ganz im Sinne der Tradition des Genres als „Heimat“ lesbar, gesehen freilich in der Gegenwartsperspektive: alles andere als heimelig, sondern von Widersprüchen durchsetzt und „unerlöst“ – von hier aus mag man sie als Spiegelbild auch der Zerklüftung zeitgenössischer Seelenlandschaften sehen.

Dass diese „Deutsche Landschaft“ sich also nicht erschöpft im ökologischen Menetekel – die schlimmsten „Umweltsünden“ merkt Altmeppen an, seien ohnehin die unsichtbaren und die im Bild gezeigten eher harmlos verglichen mit dem, was anderswo geschieht – hängt auch an ihren ästhetischen Qualitäten. Wer das Glück hat, das noch bis 18. Oktober in der Kunsthalle in Emden ausgestellte Bild im 320 mal 190 Zentimeter mächtigen Original zu sehen, erfährt diese Seite noch mit weitaus größerer Wucht, als jede Abbildung es erahnen lässt. Regelrecht aufgesogen wird der Betrachter von der fast fühlbaren Räumlichkeit, er spürt die Last des Wolkenhimmels, wird umhergeführt von der spontan geweckten Lust des Sehens, die Entdeckung auf Entdeckung häuft, ohne in der ausladenden Fülle satt werden zu wollen. Die Gültigkeit der Bestandsaufnahme wird beglaubigt auch durch die Orientierung an altmeisterlichen Maltraditionen, der klaren Komposition des Bildraumes, der Zentrierung des Hauptmotivs – das in seiner Gestaltung auch einen kunsthistorischen Querverweis provoziert auf Brueghels „Turmbau zu Babel“. Zeigte indes der niederländische Meister menschliche Hybris im himmelsstürmerischen Aufbau, so antwortet Altmeppen über 400 Jahre später gleichsinnig mit einer Szenerie des Abbaus.

Altmeppen lässt auch Offenheit für die paradoxe Erfahrung spürbar werden, dass ein Steinbruch, der einen Krater der Verwüstung ins Erdinnere zu treiben scheint, eine optische Sensation sein kann, aufgeladen mit einer die Wahrnehmung fesselnden Bedeutsamkeit. Die Offenheit für solche Erfahrungen mit dem Vertrauen in die Kompetenz der Sinne ist ein wesentliches Merkmal für die Arbeit Altmeppens, für seine oft ungewöhnliche Motivwahl – das können geparkte Lastwagen unter einem nächtlichen Himmel oder verwaiste Hochhäuser in einer Schneelandschaft sein. Bezugspunkte sind Wahrnehmungsmomente, die den Betrachter völlig unerwartet treffen, ihn geradezu anspringen, ganz so wie ein Deja-vu-Erlebnis. „Es ist, als ob man in einen Tunnel blickt“, beschreibt  der Künstler solche Momente, in denen sich an unauffälligen Einzelheiten spontan ein Kosmos an Bedeutung aus dem Umkreis des Belanglosen herauszuschälen scheint. Altmeppen: „Meine Motive sind die von der sinnlichen Gegenwart evozierten Erinnerungen an Ausschnitte der Welt, die einmal mit unsagbarer Bedeutung aufgeladen waren, einen ganzen Lebensentwurf enthielten“. Damit wird auch das Gefühl als tragender Grund eines verbindlichen Weltbezugs angesprochen, als „sinnlicher Sinn“ schlägt es in begrifflich ungefilterter Aufgeschlossenheit die Brücke in eine Erscheinungswelt, die nicht in Fakten zerfällt, sondern ein Gesicht hat, eine Physiognomie, eine erlebbare Intensität.

Erschienen in "Die Rheinpfalz", Nr. 218 vom 19. September 1998 

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